
Als Louise diesen Frühling 13 Jahre alt wurde, hat sich so manches verändert. Sie wurde nicht nur offiziell zum Teenager, sondern erhielt auch die elterliche Erlaubnis, sich auf den sozialen Medien zu registrieren. «TikTok oder WhatsApp interessieren mich aber ehrlich gesagt noch nicht so fest.»


Das Leben spielt sich für sie noch grösstenteils offline ab: «An manchen Tagen bin ich fast nicht am Handy, weil ich draussen Fussball spiele oder viele Hausaufgaben zu erledigen habe», erzählt die Schülerin. Zudem haben zwei ihrer Kolleginnen noch gar kein Handy. Praktisch sei das Gerät aber schon: «Jetzt kann ich im Klassenchat fragen, welche Hausaufgaben wir haben.»

Während die einen in ihrem Alter erst ein Handy bekommen, ist Meret Zoé mit 15 Jahren schon ein Ex-Social-Media- Sternchen: Vor drei Jahren baute die Gymnasiastin mit einer Freundin einen Account auf musical.ly auf: «Meret & Sophie» drehten auf der App, die heute TikTok heisst, karaokeähnliche Filmchen mit eigenen Choreografien. Nach drei Monaten hatten sie bereits 5000 Follower und bis zu 200 000 Aufrufe ihrer Videos. Dann war Schluss: Die App wurde zu TikTok, einer Plattform für lustige Internetbilder, woran die Teenager kein Interesse mehr hatten. «Zudem wäre es mit der Schule ein Riesenstress geworden. Mein iPhone hat aber noch immer eine grosse Bedeutung für mich», sagt sie. «Man hat alles dort! Und es ist der einfachste Weg, um mit meinen Kolleginnen zu kommunizieren.» Und dies wird via Snapchat getan. Dort hat Meret einen sogenannten Snapscore von 227 000. Das bedeutet: Sie hat in vier Jahren eine Viertelmillion Snaps verschickt oder erhalten.


Ob sie auch mal Pause macht? «Absolut. Am Abend muss ich mein Handy abgeben. Und wenn wir im Freundeskreis etwas machen und jemand die ganze Zeit am Handy hängt, sagen wir auch etwas. Sonst müssen wir uns ja erst gar nicht treffen.»

Tage ohne digitale Vernetzung: für Sergej aus Wil SG undenkbar. Der 16-Jährige ist derzeit an der Kanti – und ziemlich oft am Handy. Während des Lockdowns waren es täglich achteinhalb Stunden. Sein sonstiger Schnitt sind fünf bis sechs Stunden.
Der durchschnittliche Handykonsum der Schweizer Jugendlichen beträgt zweieinhalb Stunden pro Tag; am Wochenende dreieinhalb. Zu diesem Ergebnis kommt die James-Studie, die von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften alle zwei Jahre veröffentlicht wird. Fast 99 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sollen ein Smartphone besitzen. Wie verbringt man einen Viertel seines Tages am Bildschirm? «Es gibt viele Vorurteile gegen Jugendliche und ihre Handysucht. Aber wir machen ja nicht nur Sinnloses! Ich lese viele Artikel über Themen wie Polizeigewalt oder schaue mir Beiträge von Künstlern an, die ich mag. Das hatten ältere Menschen früher nicht.»


Der Generationen-Gap ist ziemlich gross: In der Kanti soll ein von der Schulleitung speziell eingerichtetes WLAN den Zugang zu sozialen Medien blockieren. Ohne Erfolg: «Die meisten haben sowieso mobile Daten.» 100 Franken gibt Sergej pro Monat für sein Handy aus. Seine Eltern sind darüber wenig erfreut. «Aber auch sie sind ebenfalls ziemlich oft am Handy», sagt Sergej und schmunzelt.

Ich und mein Handy. Text: Anne-Sophie Keller
Migros Magazin 26/2020