
«Ich musste erst schmunzeln», erzählt Sam Murbach (34) «als ich die Stellenausschreibung sah und dachte, das gibt’s doch nicht». Hast du Erfahrung mit illegalen Drogen? Hast oder hattest du Hepatitis C? Dann bewerbe dich. Erst etwa vier Monate davor hatte sie ihre eigene Hepatitis-C-Behandlung abgeschlossen. Murbach ist seither Gesundheitsbegleiterin im Peer-to-Peer-Projekt beim Arud Zentrum für Suchtmedizin. Als Peer-Mitarbeiterin berät und informiert sie zum Thema Hepatitis C. Weil sie aus eigener, persönlicher Erfahrung berichten kann, ist sie glaubwürdig und knüpft einfach Kontakt zu den Patient*innen. Heute, es ist der 12. Juni 2020, ist ihre Arbeit eine andere als vor Corona. Seit Beginn des Lockdowns empfängt jeweils ein Peer die PatientInnen, misst Fieber und verteilt Masken. Die Hepatitis-C-Umfrage sowie die Beratungen müssen pausieren.
«Anfangs Lockdown war der totale Stillstand. Für mich war es eine schöne Entschleunigung. Ich habe ausgemistet und Fenster geputzt. Nach zwei, drei Wochen war ich jedoch froh, wieder arbeiten zu dürfen. Wir befragen all unsere PatientInnen und messen ihnen Fieber, bevor sie an den Schalter dürfen. Wohnt jemand mit jemandem zusammen, der krank ist, oder hat jemand über 37.2 Grad Temperatur, wird gleich hier, in der Box, ein Corona-Test gemacht. Am Anfang ist dies auf Unverständnis gestossen und die neuen Regeln gingen den Leuten auf den «Seckel». Es wurden auch mal «Schlötterlig» ausgeteilt. Das «Geseckel» und Geläuf ist hier oft gross. Nach ein paar Wochen ist der Aggressivitätspegel wieder gesunken und die Leute haben sich daran gewöhnt. Mir ist aufgefallen, dass beim Hauptbahnhof weniger Leute waren und die Polizei Richtung Langstrasse wieder präsenter war. Ich bin gespannt, was passiert, wenn die Kontakt- und Anlaufstellen wieder öffnen. Ich arbeite gerne im direkten Kontakt mit Menschen. Ich freue mich, wenn ich positive Veränderungen der Leute sehe, wenn es ihnen gesundheitlich immer besser geht. Wünscht dies jemand, dann begleite ich Patient*innen auch an ihre Termine.» Sam Murbach, Gesundheitsbegleiterin
Andi Hüttenmoser (59) arbeitet seit der Lancierung des Peer-to-Peer-Projekt im Sommer 2018 als Peer. Er selbst war 30 Jahre lang unwissend Hepatitis-C-Träger. Seine Botschaft ist klar: Lasst euch testen und behandeln, die Behandlung kann dein Leben zu 100 % qualitativ verbessern. Die Vielseitigkeit der Peer-Arbeit sowie die Möglichkeit, selbst mitgestalten zu können, gefällt Hüttenmoser. Aktuell, es ist November 2020, ist er für den zweiten Teil der Hepatitis-C-Umfrage in den Kontakt- und Anlaufstellen unterwegs. Um sich genügend vor Corona schützen zu können, trägt er eine KN95-Maske. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation finden zurzeit keine Hepatitis-C-Tests statt. Beratungsgespräche mit den Peers werden neu virtuell durchgeführt (www.hepfree.ch). Durch seine eigene Geschichte kann er sich voll und ganz mit seiner Arbeit identifizieren. Die soziale Betätigung bereitet ihm Freude und es ist ein gutes Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe und eine Tagesstruktur zu haben. Neben der Peer-Arbeit macht Hüttenmoser oft als Statist bei Fernseh- und Werbefilm-Produktionen mit. Im Film «Platzspitzbaby» erscheint er als Mann mit Hut.

«Die Entschleunigung ist kein grosses Problem für mich. Ich bekam weiterhin 80 % meines Lohnes sowie die IV. Daher hat mich der Lockdown nicht belastet. Es war eine ruhige Zeit. Ich kann mich gut alleine beschäftigen und bin mittlerweile gerne für mich. Ich habe genug «gefestet» in meinem Leben. 35 Jahre lang habe ich harte Drogen und Alkohol konsumiert. Nun bin ich seit mehr als 8 Jahren «sauber». Seit 3 Wochen bin ich auch kein Raucher mehr. Ich nehme in der Arud an einer Rauchstopp-Studie teil und wurde der Ersatz-Dampfer-Gruppe zugeteilt. Ich bekam einen Vaper, welcher lediglich Nikotin und keine Zusatzstoffe enthält und somit weniger schädlich ist als Zigaretten. Die Menge an Nikotin konnte ich bereits reduzieren. Das Ritual des Rauchens fehlt mir etwas. Durch den Vaper kann ich jedoch nach wie vor an den Rauchpausen teilnehmen.» Andi Hüttenmoser, Gesundheitsbegleiter



Als Natascha Gojani (32), diplomierte Pflegefachfrau HF, vor zwei Jahren von der Stelle bei der Arud erzählt wurde, war für sie klar, dass sie sich bewerben wird. Sie liebt die Abwechslung und findet es spannend, immer wieder einen Einblick in neue Bereiche zu erhalten. Die Schicht am Medizinischen Schalter beginnt für sie und das Team mit der Kontrolle und dem Abzählen der Medikamente für die Opioid-Agonisten-Therapie (OAT). Auf die einzelne Tablette genau müssen die handgeschriebenen Formulare mit den Mitgaben und dem Bestand in den Medikamentenschränken übereinstimmen. Stimmt einmal etwas nicht, beginnt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Um im Rahmen einer Opioid-Agonisten-Therapie Substitute zu beziehen, ist eine Abklärung notwendig. Was und wie viel eine PatientIn vor Ort konsumieren darf, was und wie viel als Mitgabe mitgegeben werden kann, wissen die Schaltermitarbeiter*innen. Auch Stericups, Alkoholpads, Spritzen, Kanülen, steriles Wasser und weitere verschriebene Medikamente werden abgegeben. Gojani zählt Spritzen und Tabletten, erkundigt sich nach der Gesundheit und fragt nach, wenn ein Patient lediglich Spritzen ohne Kanülen beziehen möchte. Bereits zum dritten Mal bittet sie eine Patientin, endlich aus der Toilette zu kommen, sie sei nun bereits eine Dreiviertelstunde drin. Um Notfälle zu verhindern, darf diese nur vor der Konsumation genutzt werden. Einem Patienten wurde das Handy gestohlen, heut zeigt er sein neues. Sie brauchen eine gute Schutzhülle, schauen Sie, so eine zum Umhängen, rät Gojani und fragt, ob sie ihm eine besorgen soll.
«Seit wir mit den Corona-Schutzmassnahmen arbeiten, ist vieles distanzierter und kurz gehaltener geworden. Wir arbeiten hinter Plexiglas, nur ein kleiner Bereich für die Durchreiche ist offen. Durch die Masken fehlt die Mimik und Gestik. Unsere Patient*innen erkennen uns nicht immer. Viele kenne ich seit langem, aber auch ich muss jetzt oft genauer hinschauen. Zudem ist es schwieriger, Emotionen zu lesen und einzuschätzen. Mir fehlt auch der Körperkontakt. Ein aufmunterndes An-die-Schulter-Fassen, kleine Gesten der Nähe, das alles fällt weg. Das finde ich im Beruflichen wie im Privaten sehr schade. Freunde umarmen, in den Ausgang gehen, ältere Leute Besuchen – das alles ohne Maske – darauf freue ich mich sehr.» Natascha Gojani, diplomierte Pflegefachfrau FH


H. Z. (53) sitzt im Warteraum, etwas ungeduldig wartet er bis die 750, seine Nummer, aufgerufen wird. Erst wirkt er etwas abweisend, als ich ihn frage, ob ich ihn als Kunde am Schalter fotografieren darf. «Immer wieder», so erzählt Z., «soll ich für Fotos herhalten». Erst gerade wurde in der Velowerkstatt, in welcher er in einem Sozialprojekt beschäftig ist, ein Film mit ihm gedreht. Nicht ohne Stolz zeigt er mir den Film in voller Länge und Lautstärke. Um ein Haar verpassen wir das Ausrufen seiner Nummer und er willigt ein, anonym auf einem Bild zu sein. Dreimal habe ich die Kamera ausgelöst, und schon ist er im Konsumationsraum verschwunden. Ich will mehr wissen, warte und zeige ihm nach der Konsumation das eben gemachte Bild mit der Frage, ob er noch kurz etwas zu sich und seiner Konsumation erzählen möge.

«Ich steige gerade von Methadon auf flüssig Diaphin um. Diaphin fährt ein, Methadon nicht. Neben Methadon habe ich gelegentlich auf der Gasse Heroin konsumiert. Gestern hatte ich einen Termin bei einem Belegarzt, welcher mir die Bewilligung für die kontrollierte Diaphin Abgabe erteilt hat. Heute ist der zweite Tag meiner flüssigen Aufdosierung. Das heisst, dass ich über zwei Wochen, langsam auf meine gewünschte Dosis von 1200 bis 1400 mg eingestellt werde. Dazu komme ich täglich mehrere Male hierher, beziehe am Schalter und konsumiere im Konsumationsraum. Gestern 1 x 15 mg und 5 x 30 mg, heute 1 x 40 mg, 2 x 50 mg und 1 x 58 mg. Dies sind für mich «homöopathische» Dosen, da merke ich nicht viel. Beim nächsten Arzttermin besprechen wir meine Dosis und regeln die Mitgaben. Um eine Mitgabe zu bekommen, muss man zuverlässig sein. Ich arbeite und denke, dass dies klappen wird.Bereits vor zehn, fünfzehn Jahren war ich im ersten Heroinabgabe-Programm, welches von Herrn Seidenberg initiiert wurde. Seit ich fünfzehn, sechzehn bin, konsumiere ich. Wieso ich mit dem «Seich» angefangen habe? Es war halt Hip, Christiane F. und so.» (Drogensüchtige Jugendliche im Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo»). H. Z., Patient Opioid-Agonisten-Therapie

Konzept, Text und Fotografie: Gabi Vogt
Sucht-Perspektiven
Sucht Magazin 6/2020