
Susanne Henzmann, 21, aus Oberhof AG hat eine KV-Lehre abgeschlossen und arbeitet nun in einem Treuhandbüro im Bereich Landwirtschaft.
«Ich lebe mit meinen Eltern und meiner Schwester auf einem Bauernhof. Seit meiner Geburt leide ich an einer Muskelerkrankung, weshalb ich auf ein Beatmungsgerät angewiesen bin. Ich benötige Unterstützung von der Spitex oder von meinen Eltern, versuche aber ein so selbständiges Leben wie nur möglich zu führen. Bis in die Oberstufe besuchte ich die normale Schule. Danach hat sich mein gesundheitlicher Zustand verschlechtert und ich wechselte in eine Schule für Menschen mit Körperbehinderungen. Ich wollte unbedingt eine Lehrstelle im ersten Arbeitsmarkt. Leider funktionierte das nicht, deshalb machte ich eine KV-Lehre in einer Stiftung in Biel, rund 100 Kilometer von zu Hause entfernt. Zu Beginn wohnte ich im Internat der Stiftung, später konnte ich mir eine eigene Wohnung nehmen. Das war für mich ein grosser Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Ich schloss meine Ausbildung zur Kauffrau EFZ mit einer Gesamtnote von 5,4 ab – Rang 3 meiner Schule.»

«Als ich klein war, wollte ich Landwirtin werden. Leider ist dies aufgrund meiner Behinderung nicht möglich, weshalb ich mich mit einer KV-Lehre abfinden musste. Bei der Jobsuche habe ich viele Absagen erhalten. Dank meinem Cousin fand ich eine Stelle in einem Treuhandbüro für Landwirtschaftsbetriebe. Dadurch kann ich meine Interessen und meine Leidenschaft mit meiner Arbeit verbinden. Mit dem Auto bin ich in 30 Minuten am Arbeitsort. Mein Pensum beträgt 60 Prozent, eine Vollzeitanstellung ist kräftemässig nicht möglich. Leider ist es schwierig, mit diesem Lohn eine Wohnung zu mieten, weshalb ich nun wieder bei meinen Eltern wohne. So bald als möglich möchte ich aber wieder alleine wohnen – und mich beruflich weiterbilden, um noch mehr Unabhängigkeit zu erlangen.»

Sara Zöllig, 17, aus Märwil TG lernt Forstwartin EFZ. Sie mag es, im Wald hart anzupacken und dicke Bäume zu fällen.
«Ich habe am liebsten den ganzen Tag die Motorsäge in der Hand, und ich mag es, wenn es ‹rohret› im Wald. Ich wollte schon lange in der Forstwirtschaft arbeiten. Mein Vater ist Holzlastwagenfahrer und ich begleitete ihn manchmal. Irgendwann wollte ich wissen, wo das Holz herkommt, das an der Strasse bereitliegt. So habe ich die Forstwirtschaft entdeckt.
Trotzdem habe ich andere Dinge geschnuppert: Mediamatikerin, Reprografin – nichts hat mir so gefallen wie die Forstwirtschaft. Der erste Lehrbetrieb, bei dem ich geschnuppert habe, wollte mich nicht, weil ich eine Frau bin. Und es gab mal einen Waldbesitzer, der fand, es sei doch zu gefährlich, eine junge Frau im Wald arbeiten zu lassen. Mein Chef stand daneben und sagte nur: ‹Die kann das.› In der Berufsschule machte einer mal einen blöden Spruch. Das habe ich mit ihm geklärt, und jetzt sind wir gute Freunde. In meiner Freizeit fahre ich Töff. Meine Mutter seufzt manchmal: ‹Jetzt hast du schon einen gefährlichen Beruf, musst du auch noch ein gefährliches Hobby haben?› Trotzdem steht sie voll hinter mir.»



Nicolas Comtesse, 17, aus Hochfelden ZH ist im 1. Lehrjahr zum Gebäudeinformatiker EFZ mit Berufsmatur. Die Schnupperlehren waren wegweisend für seine Entscheidung.
«Auf der Suche nach einer passenden Lehrstelle schnupperte ich mich durch diverse technische Berufe – vom Polymechaniker bis zum Informatiker. Ich wollte eine Arbeit, die vielseitig und abwechslungsreich ist. Nur in der Werkstatt oder im Büro zu arbeiten, ist nicht mein Ding. Über Yousty entdeckte ich den neuen Beruf des Gebäudeinformatikers. Ich bewarb mich für eine Schnupperlehre. Bei der Netfon Solutions AG konnte ich während zwei Tagen den Telematikern über die Schultern schauen und mich an gewissen Arbeiten versuchen. Sie nahmen mich auch mit zu den Kunden. Die Mitarbeiter zeigten mir, wie die Arbeit abläuft. Ich konnte sofort richtig mithelfen. Die Abwechslung zwischen Büro und Montage, zwischen Kabel einziehen und Systeme konfigurieren ist das gewisse Etwas, das mir bei vielen Berufen fehlte, die ich angeschaut hatte. Nach zwei Tagen Schnupperlehre wusste ich, dass ich meinen Traumberuf gefunden hatte. Der Chef sagte mir, wenn ich interessiert sei, solle ich mich schnell bewerben. Dies tat ich, und kurz vor den Sommerferien konnte ich den Lehrvertrag unterzeichnen. Mir gefällt die grosse Verantwortung, die ein Gebäudeinformatiker trägt. Bei gewissen Systemen kann man mit einem falschen Befehl grosse Schäden anrichten. Ich mache die Lehre mit Berufsmatur. Das ist anstrengend – aber Weiterbildung und Weiterentwicklung sind in diesem Beruf besonders wichtig. Also werde ich mich durchbeissen und dranbleiben.»

Porträts zum Thema Berufswahl für das Eltern Magazin Fritz und Fränzi
Sonderheft «Was will ich werden?» September 2023
Text: Stefan Michel